Love Exposure

Love Exposure ★★★★★

Stellt euch mal vor, wie ein Genregulasch aus einem ruhigen und theatralischen Liebesdrama, einer voyeuristischen Komödie, einem Exploitation-Film, einem Trashfilm, einem Kung-Fu-Film und einem Sozialdrama bildlich aussehen würde. Man packt am besten noch den Humor von Tarantino und die Brutalität von Gore-Filmen in den Kessel und man bekommt ein ganz großes Ding.

Ladies and Gentlemen, das monumentale und religiöse Damenunterwäschen-Werk "Love Exposure".

Ja, der Titel spricht schon Bände, die Exposition von Liebe. Knappe vier perverse Stunden geht diese unglaublich einfallsreiche Geschichte, die eigentlich recht simpel strukturiert ist. Die Liebesgeschichte ist vom Grundprinzip her nicht Neues, aber sie ist so einfallsreich gestaltet, wie eine Liebesgeschichte noch nie gesehen habe und wahrscheinlich auch niemals mehr sehen werde.
So viele inhaltliche, visuelle und inszenatorische Einfälle auf einmal, sodass es einen den Arsch wegpustet. Ich bin immer noch überwältigt von dieser scheinbar grenzenlosen und auf Konventionen scheißender Kreativität. Unglaublich, einfach unglaublich.

Und ich erwähne nicht ohne Grund auch Tarantino. Sion Sono scheint wohl denselben Humor wie mein bisheriger Lieblingsregisseur zu haben. Außerdem werden für dieses Monster-Werk Kapitel verwendet, was auch schon wie eine Hommage an gewisse Filme von Tarantino wirkt. Vielleicht irre ich mich dabei, aber es fühlt sich so gut wie identisch an.

Die Titeleinblendung kommt erst nach fast einer Stunde bis ein sehr wichtiger Moment passiert. Die eine Stunde wird für einen der drei Hauptcharaktere verwendet. Dann folgen noch zwei weitere Vorgeschichten, bis zu der Ausgangssituation, in der die erste Biografie aufgehört hat. Dann fügen sich alle drei Geschichten zusammen und... es ist einfach geil und absurd zugleich.

Es fließt natürlich auch die typisch asiatische und theatralische Inszenierung da durch, aber das störte mich keinesfalls und sollte auch keinen anderen stören.
Jeden dieser drei Hauptcharaktere schließt man in sein Herz, aufgrund von deren tragischen und zum Teil auch abgefahrenen Vorgeschichten. Man kann mit ihnen mitfühlen und es bleibt kaum ein Moment aus, wo man dasselbe fühlt wie die Figuren selbst.

Abseits dessen ist dieser Film nicht nur ein schon fast kranker Genregulasch, sondern auch ein Film mit einer scharfen Kirchenkritik und allgemein eine Abrechnung mit allen Sekten dieser Welt. Von Anfang an wird klar, dass man sich im Christentum befindet, was in Japan eigentlich, im Verhältnis zu den zwei großen östlichen Religionen Buddhismus und Shintō, ein ganz kleiner Fisch ist und schon selbst wie eine Sekte wirkt.
Zusätzlich gibt es vielerlei Referenzen zu der Gleichstellung von Menschen mit "sozial nicht vertretbaren Eigenschaften" und zur Gleichstellung von Bisexualität, zu Beethovens einflussreicher Musik, zur modernen Popkultur Japans, zum Einfluss der westlichen Welt sowie auch zu einer inhaltlich wichtigen Hommage an eine kontroverse japanische Exploitation-Reihe, wo die Hauptfigur Sasori (damals gespielt von Meiko Kaji) heißt.

Es sind so viele Details darin vorhanden, dass mir fast der Kopf zu platzen schien. Aber ich bin nie vom Kurs abgekommen, weil die Narrative meisterhaft und durchgehend spannungsgeladen ist. Selbst die knappen vier Stunden wirken dabei viel zu kurzweilig, was schon viel aussagen sollte.

Es gibt kaum ein monumentales Werk, was solch einen Wiederschau-Wert hat wie dieses.

Ich habe im asiatischen Kino wohl eine neue Flamme entdeckt, auch wenn die durchgedreht zu sein scheint.

"Love Exposure" ist eine wahnsinnige Oper aus einem Großteil von Genres aus aller Welt, die niemals an Zeitlosigkeit einbüßen wird und gleichzeitig die einfallsreichste Aneinanderreihung von Szenen hat.
Eine Empfehlung an... jeden, der das Medium Film liebt.

Marvin liked these reviews

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