Tenet ★★★★

Wer schon mal einen Hot Dog für 98 Cent bei IKEA genießen durfte, der wird sich nach einem kleinen Zeitsprung in die Vergangenheit sehnen, um dieses kulinarische Missgeschick ungeschehen zu machen. Anregungen hierfür erhofften wir uns durch „Tenet“, den neuesten Film von C. Nolan. So trat unsere Film- Selbsthilfegruppe geschlossen im CINESTAR an, wo es bereits an der Kasse zum ersten Eklat kam.
Vor uns redete ein Sachse! Nichts gegen Sachsen, ich liebe sie, aber es gibt nun mal kein lustigeren Akzent, so dass bei jedem Menschen die Mundwinkel unweigerlich in die Höhe schießen, Sachsen ausgenommen, sobald ein Sachse sich akzentuiert. Eine ältere Dame hinter uns sah dies anders und pöbelte das Grundgesetz rauf und runter, bis ich dann freundlich mit „Gute Frau, es ist passiert, es wird passieren. Unser Grinsen mag politisch nicht korrekt sein, aber ihre Art der Empörung ist nichts anderes als negativer Narzissmus“ entgegnete.
Weiter ging es in den größten Saal. Ca. 40 Filmliebhaber fanden sich ein. Kino ohne Zuschauer ist wie ein Präsident ohne Lügen- es fehlt was!
„Wenn die Wut vernarbt, wird sie zur Verzweiflung!“ Korrekt, was der Filmbösewicht (superb und tigergleich vom „Eiermann“ K. Branagh verkörpert) im Film von sich gibt. Meine Wut wollte ich nicht vernarben lassen, so dass ich zwei Kino-„Dauerbeschallern“ vor uns freundlich den Hinweis zukommen ließ, dass, wenn sie weiterhin lauthals das ganze Kino „unterhalten“ wollen, ich sie zartfühlend in die Leinwand schmeißen würde! Na ja, immerhin grinsten sie und für 5 Minuten war Ruhe. Und schon begann der Film.

Große Blockbusterproduktionen werden gerade in schöner Regelmäßigkeit verschoben. „Tenet“ traut/e sich nun auf den Markt und ließ sich im Kino einspeisen, denn vielleicht könnte dies Werk ein notwendiges Überlebenselixier sein.
Die Zeit beschreibt das Fortschreiten der Gegenwart von der Vergangenheit kommend. Nolan dreht diese Erkenntnis und kombiniert Fakten mit Theorien- Inversion, Entropie! Heraus kommt ein philosophisch-physikalischer Spionagethriller, in welchem eine Art James Bond für die Geheimorganisation Tenet durch die Zeiten segelt, dies mit beeindruckender Mannstoppwirkung, anders ausgedrückt: Er fetzt sich durch die Reihen seiner Widersacher! Gegenstände, die sich vor und zurück durch Raum und Zeit bewegen können (Inversion), erfordern seine komplette Aufmerksamkeit.

Die Eröffnung von TENET gleicht einem Trommelfeuer, denn der Music-Score hämmert die Handlung rasant durch die visuell elegante und rauschhafte Szenerie. Nach anschließender Zahnentfernung und kurz darauf folgender Zahnbehandlung (sensationell, was TENET für Spitzenzahnärzte hat) geht der „Protagonist“ (J.D. Washington) auf die Jagd nach Waffenhändler Sator (K. Branagh), der eine gewichtige Rolle im Inversionsgeschäft spielt, damit er das machen kann, was Bösewichter nun mal machen: die Welt zerstören! Denn falls die Anzahl der invertierten Objekte gleich der Menge der sich vorwärts bewegenden Objekte wird, wird das Raum Zeit-Kontinum ausgelöscht! Klingt nicht wirklich schön, aber Pessimismus hilft nicht weiter. Und wozu gibt es Helden, die gelangen immer zu zielführenden Ergebnissen.

Quantenverschränkte Drehkreuze, den Verlauf der Zeit in Frage stellen, ewiger Kreislauf, vom zukünftigen Ich dirigiert werden, Zeitschleifen, Entropie……C. Nolan lässt übliche Sehgewohnheiten gnadenlos über die Klinge springen. In teils flirrender Atmosphäre überschneiden sich Zukunft und Gegenwart und finden gleichzeitig statt, wobei dies fern der bisher bekannten Zeitsprünge optisch eindrucksvoll präsentiert wird; obgleich gern mal unübersichtlich. Hier läuft nichts mehr linear, überbordend wird die Umkehrung der Zeit gefeiert. „Es ist ein Paradoxon“, erklärt Wissenschaftler Neil (R. Pattinson),“ man muss es nicht verstehen“.
Die gemäßigten Verschwörungstheoretiker haben ihre eigene Nolan-Theorie, die besagt, dass Nolan äußerst clever ist. Seine Filme werden auf vermeintlich intellektuelle Art derart komplex gestaltet, dass eine erneute Sichtung notwendig scheint, um dem Geschehen zu folgen= Mehr Kohle kommt rein! Erscheint zumindest nicht abwegig.
Ist die Zeit nicht das größte Raubtier, welches uns jagt?! Meine Person wird schon seit 53 Jahren gejagt, erste Ermüdungserscheinungen sind durchaus präsent, aber nach „Tenet“ erschließt sich einem die Thematik doch völlig anders. Zudem frage ich mich, ob wir nicht ALLE Zeitreisende sind, denn indem wir leben, bewegen wir uns ja durch die Zeit.

Ich behaupte nicht, dass ich den Film in seiner gesamten Komplexität verstanden habe. Ich könnte aber sagen, WIE ich den Film verstanden habe.
Nach dem Film war sich unsere Gruppe jedenfalls dahingehend einig, dass „Tenet“ im Grunde ein Film für die Frau sein dürfte. Im Film geht es um ein Paradoxon. „Sie müssen es nicht verstehen, sie müssen es nur fühlen“, sagt eine Wissenschaftlerin im Film zum Protagonisten! Vor langer Zeit sagte mir eine Frau „Du musst die Frau nicht verstehen, Steph, Du musst sie nur fühlen“! Man erkenne die Zusammenhänge!

„wird man 2 minuten von einer frau mit bürotackern beworfen, kommt einem dies wie 2 stunden vor. sitzt man 2 stunden mit einer nackten frau in der sauna, kommt einem dies wie 2 minuten vor“
---A. Einstein zum Thema Relativität, leicht abgeändert.