Joker ★★★★

WO DIE STRASSEN KEINEN NAMEN MEHR HATTEN, WEIL ES KEINE STRASSEN MEHR GAB!

Wer es sich leisten kann, reist in schöne Städte. Wer arm ist, landet an herausfordernden Orten. Dennoch geht es Arthur Fleck (J. Phoenix) besser als vielen anderen Menschen. Er ist nicht obdachlos, sondern lebt in einer kleinen Wohnung zusammen mit seiner psychisch instabilen Mutter. Er hat einen schlecht bezahlten Job und wird hin und wieder während der Dienstzeit verprügelt oder bestohlen. Schwamm drüber, denn anderen Menschen geht es deutlich schlimmer, sie werden schon mal angezündet, man beachte die Nachrichten. Zudem gibt es da noch eine genervte und überlastete Sozialarbeiterin, die sich rührend um Arthur kümmert, indem sie ihm Medikamente verschreibt, um seine Emotionen zu teeren. Und Arthur tanzt und lacht gern.
Alles könnte so wundervoll sein, aber Arthur giert nach mehr!

In seiner verfärbten Realität ist es wunderschön mit seiner Freundin, er suggeriert sich Erfolg, befindet sich in einer Art Übergang zwischen dem ersten Entwurf seines Lebens und der folgenden Reinschrift (A. Tschechow). Langsam wird ihm bewusst, dass man einen Elefanten nicht mit einer Fliegenklatsche erlegt, und fröhlich vor sich hin vegetieren ist auf Dauer wenig erstrebenswert. Es folgt eine erste Absichtserklärung mit ausgedehnter Notwehr in der U-Bahn, wobei die Betroffenen keinen Grund zur Beschwerde haben dürften, denn mangelnde Sozialkompetenz ist nun mal eine problematische Prämisse für ein Miteinander.
Arthur will nicht ewig die Summe seiner Tränen und Erniedrigungen bleiben, dann doch lieber die Ketten abstreifen, anschließend ein Bad im Drachenblut- das tut gut! Eine ordentliche Persönlichkeitsentwicklung steht schließlich jedem zu, und Arthur lässt seinen Emotionen nun freien Lauf- gut für ihn, schlecht für die Gesellschaft! Er findet seine Freiheit in einem Chaos des Entzückens, sein Tanz kommt der Sprengung seiner Fesseln gleich- lässig, subtil, bedrohlich! Abschließend demonstriert er, wie man in einer Talkshow die Dinge konsequent auf den Punkt bringt- Mahnung, Warnung, Standgericht!
Dann nimmt sich der urbane Sumpf seiner an, zieht ihn hinab, um kurz darauf den JOKER auszuspucken- der Messias der Gestrandeten!

In diesem Film wird ein Mann porträtiert, der keine Chance im normalen Leben hat und nie eine haben wird. Während andere Menschen vor der Arbeit ihre Krawatte binden, bindet sich der Pro(An)tagonist in diesem Film seinen Henkersknoten! „Joker“ ist kein weiteres irres Abenteuer, sondern die Charakterstudie eines gebrochenen Menschen mit Lach-Tourette, dem die Gesellschaft jegliche Chance verweigert und damit seinen Weg zeichnet- Rache entspringt der logischen Konsequenz, nicht dem niederem Antrieb.
Regisseur T. Phillips lässt J. Phoenix dieses Psychogramm eines Verzweifelten dominieren, in welchem die Hauptfigur wie Treibgut durch Missbrauch und soziales Elend schwimmt; dies in einem abgerockten Gotham, wo die Ratten auf den Tischen tanzen und die Anhänger des Nihilismus ihre Partys feiern.
Sicher wird hier auch eine letzte Leerstelle im Leben des Jokers gefüllt- der Mythos wird entzaubert, zudem wird die anfangs langatmige Düsternis nicht jedem zusagen, und R. de Niro versprüht gekonnte Routine. Aber während H. Ledger dem Charakter seinerzeit eine irrsinnige Tiefe verlieh, ist es faszinierend zu beobachten, wie J. Phoenix für die Grundierung sorgt- er gießt das Fundament!

"Wir müssen das Leben loslassen, dass wir geplant haben, damit wir das Leben leben können, dass uns erwartet"
--joseph campbell